Die Enstehungsgeschichte eines einmaligen Projektes

Ein Beitrag von Benni Di Biasi

Ich bin gebeten worden etwas über RWE III zu schreiben, aber dafür muss ich auch die großartige Entstehungsgeschichte schreiben, also von Anfang an.

Vor 8 Jahren habe ich meine Arbeit bei der Prof. Dr. Eggers Stiftung als BEWO Betreuer begonnen.

Ich, Benni De Biasi, Ideengeber, Projektverantwortlicher und Cheftrainer von „Die Dritte“

Die Prof. Dr. Eggers Stiftung fördert junge psychisch erkrankte Menschen im Alter von ca. 15-30 Jahren in div. Wohnmodellen unter Bezugnahme differenzierter Therapiemaßnahmen in den Städten Essen und Düsseldorf.

Die psychischen Erkrankungen führen bei den Betroffenen zu länger dauernden Beeinträchtigungen im Bereich der psychosozialen Entwicklung/Anpassung wie: Verantwortungsübernahme, Autonomiebestrebung, Alltagsbewältigung, berufliche und soziale Integration. Weitere Folgen sind oft eine verminderte Belastungsgrenze und mangelndes Selbstvertrauen, aber auch Orientierungslosigkeit. Ein Vereinsleben ist bei vielen der jungen Betroffenen somit nicht mehr möglich, da sie auch die Erfahrung der Ausgrenzung immer wieder erleben, zusätzlich unter Angstzuständen leiden. Daher kam bei mir die Idee mit dem Sport auf, was ja bekanntlich verbindet. So machten wir uns einmal pro Woche auf und spielten auf einen Bolzplatz Fußball, wobei mir dann die folgende Idee gekommen ist. Da ich selber jahrelang aktiv in Vereinen gewesen bin und oft auch als Vater gegen meine Söhne auf Mannschaftsfeiern gespielt habe, was sich durchaus als beziehungsförderlich erwies, kam der Gedanke auf, Ähnliches innerhalb der Prof Dr. Eggers Stiftung zu initiieren: viele waren von der Idee begeistert.

Turnier

Zunächst trafen sich interessierte Betreute und Betreuer zu einem kleinen Turnier in Altenessen. Dieses machte allen Teilnehmern Spaß, das gemeinsame Ziel der Bertreuten war es, uns Betreuer zu schlagen.

Dies löste eine Welle von Ehrgeiz aus, so dass das Thema Sport in der Stiftung eine immer größere Rolle eingenommen hatte und somit ein Bestandteil unseres Angebots wurde. Anfänglich wurde eine Turnhalle angemietet, wo wir uns 1x pro Woche trafen, in welcher neben div. Ballsportarten auch Fußball gespielt wurde. 

Die Entwicklung im Bereich Sport ging weiter. Warum sollte der Sport oder auch das Turnier einmalig bleiben?  Also entstand die Idee ein Turnier zu veranstalten, an dem mehrere Einrichtungen mit verschiedenen Zielgruppen teilnehmen konnten. Es wurden viele Einrichtungen eingeladen, die Rückmeldung war groß und so wurde der 1. Prof Dr. Eggers Cup mit Mannschaften vom Markus Haus, Haus Bruderhilfe, Jugendhilfe Essen, Diakonisches Werk und Lichtburg Essen mit voller Erfolg ausgetragen, weitere Turniere mit mehreren Mannschaften folgten. 

Der Hintergedanke, irgendwann mal aus diesen jungen Spielern eine Mannschaft zu formen, bestand schon früh, jedoch war die Umsetzung nicht so einfach und es mussten noch einige Schritte folgen. 

Dr. Michael Welling

Das Entscheidende Turnier war aber das Dritte.

Die Familien - und Jugendhilfe brachte als Gastspieler  Dr. Michael Welling  mit und er hatte neben vielen Freikarten auch Markus Heppke, damaliger Kapitän der I. Mannschaft, zur Siegerehrung im Gepäck. Schon während des Turniers kamen Michael und wir immer wieder ins Gespräch und es wurde gefragt, ob es nicht mal möglich sei, mit einer „Best of Eggers Cup“ Auswahl  gegen eine Auswahl von Rot Weiss Essen antreten zu können. Es sollte lediglich eine Belohnung für die engagierten und ehrgeizigen Spieler sein. Diese Idee war keine neue Idee, Mannschaften wie die Damenmannschaft von Schönebeck oder auch der ETB sind schon vor dem zweiten Cup angeschrieben worden, wobei ich von beiden Vereinen nur vertröstet wurde. An Rot Weiss Essen habe ich nie gedacht, da dieser Verein in seiner Geschichte und Anschauung in Essen .Großes geleistet hat, und noch leisten wird, und es war eine Vermutung, dass ich erst gar nicht angehört würde. Jedoch Michael fand die Idee Klasse und so folgte das erste „Best Of“ Spiel an der Seumannstrasse. Dieses Spiel verloren wir leider oder besser gesagt zum Glück, denn so konnten wir auf ein Rückspiel bestehen, es entstand dabei ein noch intensiverer Kontakt zu den Essener Chancen und Rot Weiss Essen. 

Best of  Eggers Cup vs. Auswahl RWE

Doch meine Planungen, eine Mannschaft aus Einrichtungsspielern zu bilden, liefen im Hinterkopf weiter, so dass ich es schließlich innerhalb der Prof. Dr. Eggers Stiftung das erste Mal zum Thema machte und sofort das „ok“ gekommen war. 

Vereinssuche

Also begann die Vereinssuche verbunden leider mit vielen Absagen, oft auf Grund von Vermutungen, fehlerhaften Informationen, Vorurteilen und Ängsten der Vereine, es könnte ihren Ruf schaden.

Fragen wie z. B., was passiert, wenn sie ausrasten und zuschlagen? Oder, was passiert, wenn derbe Niederlagen kassiert werden und keiner mehr Lust hat zu spielen, die Mannschaft dann zurückgezogen werden muss, wer bezahlt uns dann die Unkosten? Nur Altenessen 18 hörte interessiert zu. Auch wenn sie anfänglich Bedenken hatten, wollten sie uns unterstützen und den Spielern eine Chance geben. Dies bedeutete Einrichtungen anzuschreiben und persönlich vorbeizugehen um Werbung zu machen. Beim ersten Training waren wir dann sogar 15 Mann, auch wenn es Winter und Schnee gefallen war. Bis zu Saisonbeginn hatte ich jetzt Zeit Sponsoren und Spieler zu finden.  

Die Wende

Da viele Sponsoren ihr Budget ausgeschöpft, uns aber viel Glück gewünscht hatten, schrieb ich wieder einmal Michael an, ob er mir Tipps geben könnte, wie ich jetzt an Sponsoren kommen könnte, und fasste zur Begründung meine Idee kurz zusammen. Michael konnte mir in der Sponsoren Suche zwar keine noch nicht schon vorher versuchten Tipps geben, jedoch schrieb er einen kleinen Satz, „Warum kommst Du nicht zu uns mit der Mannschaft“. 

Diesen kleinen Satz las ich mehrmals, bis ich die Mail an unseren Geschäftsführer Herrn Kremer weiterleitete, und verunsichert Michael anrief, um mich genauer zu informieren und war total überrascht, dass er mit seiner Planung schon relativ weit war und ggfs, auch schon einen Sponsoren hatte. Eine Woche später fand in seinem Büro das erste Gespräch mit ihm und Herrn Kremer statt, wo alles weitere besprochen wurde, auch wurde ein Termin mit dem Sponsor, die „Freddy Fischer Stiftung“, abgestimmt. Der Termin mit Freddy Fischer, Michael Welling und uns fand dann eine Woche später in Rüttenscheid statt, wo das Projekt und sein Ziel vorgestellt wurde. Die Rahmenbedingung wurde geschaffen und die Freddy Fischer Stiftung stieg als Sponsor ein,  die Mannschaft erhielt den Namen „Perspektivteam RWE III“ 

Perspektivteam?

Der Name sollte deutlich machen, dass wir Menschen mit Handicaps

neue Perspektiven im sozialen, beruflichen und sportlichen Bereich schaffen wollten und durch den Mix mit Spielern ohne Handicap wurde der Gedanke der „Inklusion/Integration“ gestärkt.

Die Spieler mit Handicaps erlernten soziale Kompetenzen, entwickelten Kampfgeist und bauten Ängste ab. Sie fühlten sich akzeptiert und in einer "normalen" Welt angekommen. Die normalen Spieler dagegen verloren die Angst vor dem Unbekannten und lernten neue Umgangsformen kennen. Es wurden und werden beide Seiten durch das voneinander Lernen neue Perspektiven aufgezeigt, welches sie beruflich und privat nutzen können. Und durch den Zusammenschluss kämpfen beide Seiten um ein gemeinschaftliches Ziel. 

Das Team

Das Team wird oft beschimpft und Vorurteile machen die Runde, jedoch ist es oft nur Unwissenheit : wie gehe ich mit der Mannschaft um. Die gegnerischen Spieler registrieren zunächst einmal nur Dinge wie ehemaliger Drogenabhängiger, Alkoholiker, Psychisch Erkrankte, Ex-Knackis oder dissoziale Leute und ordnen diesen die entsprechenden Attribute zu. Dies hat jedoch mit der Realität nichts zu tun.Die Spieler unserer Mannschaft stützen sich gegenseitig, geben sich Halt, was das Selbstvertrauen fördert. Keine andere Mannschaft ist so interessant in ihrer Entwicklung zu beobachten wie diese, und keine andere Mannschaft hätte so viel Achtung und Respekt verdient wie diese, denn sie müssen nicht nur „Fußballspielen“, sondern auch ihr individuelles Handicap meistern.

Beide Seiten profitieren daher auf sozialer, beruflicher und sportlicher Ebene voneinander, daher ist das Projekt "Perspektivteam 3" ein voller Erfolg für alle Beteiligte und ist zurecht schon mehrfach ausgezeichnet worden, auch sind wir immer gern gesehene Gäste auf Turnieren, wo wir sogar schon zwei für uns entscheiden konnten. 

Das Team hinter dem Team

Aber das Projekt hat auch seine negativen Seiten, mit welcher wir im Allgemeinen lernen müssen umzugehen. Es wird immer wieder Rückfälle, Suizidversuche oder Dekompensationen eines Psychose- Erkrankten geben, was immer wieder neue Herausforderungen sind, das Team andererseits aber auch stärker machen kann. Auch Obdachlosigkeit und Schulden haben wir innerhalb des Teams schon gehabt, aber auch dieses konnten wir meistern. Nur leicht ist dieses nicht und daher gibt es ein relativ großes Team hinter dem Team, es wird dabei geschaut, dass immer genügend Ansprechpartner für die Spieler vor Ort sind, um bei einer aufkommenden Krise zu intervenieren. Diese Verantwortung ist externen Leuten so gar nicht bewusst, aber unsere Tätigkeit ist mit der Tätigkeit eines regulären Funktionsteams nicht zu vergleichen. 

Das Funktionsteam besteht aus

Siggi Liebing – Sani und Mannschaftsverantwortlicher, gute Seele des Teams

Sascha Päuler – Aufbau Trainer und Betreuer Tim Dodt – Konditions und Warm Up Trainer- Markus Möhlke – Torwart Trainer 

Mit mir sind es fünf Personen, die sich um alle Belange des Teams kümmern und für ein gutes Miteinander sorgen. Wenn dieses nicht ausreichend ist, steht noch die Prof. Dr. Eggers Stiftung, RWE und die Essener Chancen beratend und aktiv zur Seite. 

Saison/Ziele

In unserer ersten Saison 13/14 sind wie achter geworden. Dieses doch gute Ergebnis ist uns gar nicht zugetraut worden und wir waren manchmal ein recht unangenehmer Gegner, haben überragende Spiele abgeliefert. In dieser Saison möchten wir unter den ersten fünf sein, wobei unsere Ziele rein sozialer Natur sind und der sportliche Erfolg nicht zwangsläufig im Vordergrund steht. Gleichwohl möchten auch wir unsere Spiele gewinnen.

Schlusswort

Ich bedanke mich bei RWE, Essener Chancen, Freddy Fischer Stiftung und natürlich der Prof. Dr. Eggers Stiftung. Ohne diese aktive Unterstützung wäre dieses Projekt niemals möglich gewesen und die vielen guten und ehrgeizigen Spieler hätten vermutlich ihr Hobby nicht mehr aufgenommen oder ausüben können. Auch hätten sie nie diesen Ehrgeiz, die soz. Kompetenz, Zuverlässigkeit und das Mannschaftsgefühl entwickelt. Das Projekt ist aber noch nicht am Ende seiner Möglichkeiten. Wir möchten mit diesem Projekt in die Schulen gehen, um dort vor Drogen und Alkohol zu warnen bzw. die Schüler aufzuklären. Wir haben u.a. im Team einen Spieler mit einem Profivorvertrag mit Gladbach, welcher aber aufgelöst wurde, da dieser Spieler auf Grund von Drogen erkrankt und seine Leistungsfähigkeit dadurch so eingeschränkt ist, dass es phasenweise selbst in der Kreisklasse schwierig werden kann.. 

Fußball verbindet und wir hoffen, dass wir weiterhin mit unserem Team deutliche Signale setzen können.

Ich bin froh und stolz darauf, hier mitwirken zu können!